Was die aktuellen Zahlen zeigen

Das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer wurde 2026 erstmals in großem Umfang vorgestellt. 38 Prozent der befragten Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeitenden bezeichneten Gewalt unter Schülerinnen und Schülern als großes Problem, weitere 18 Prozent als sehr großes Problem. Besonders alarmierend ist die Normalisierung: Manche Jugendliche nehmen Anschreien, Schubsen oder Auslachen gar nicht mehr selbstverständlich als Gewalt wahr.

Auch bundesweite Polizeidaten zeigen eine Belastung. Für 2024 wurden 1.283 Fälle vorsätzlicher einfacher Körperverletzung registriert, bei denen Lehrkräfte im Zusammenhang mit ihrem Beruf als Opfer erfasst wurden. Das sind deutlich mehr als in vielen Vorjahren.

Wer unterrichtet, darf nicht lernen müssen, Angst als normalen Teil des Berufs zu akzeptieren.

Lehrkräfte brauchen Rückhalt – Schülerinnen und Schüler ebenfalls

Ein Fehler wäre es, das Thema als Kampf „Lehrer gegen Schüler“ zu erzählen. Gewalt belastet die gesamte Schulgemeinschaft. Kinder, die regelmäßig Übergriffe beobachten, lernen schlechter. Schülerinnen und Schüler, die selbst betroffen sind, brauchen Schutz. Lehrkräfte wiederum können nur verlässlich handeln, wenn sie wissen, dass Schulleitung, Schulaufsicht und weitere Fachstellen sie nach einem Vorfall nicht alleinlassen.

Eine sichere Schule schützt deshalb nicht nur Erwachsene. Sie schützt Kinder ebenso.

Warum Wegsehen das Problem größer macht

Wenn Beleidigungen und Drohungen mit „Das ist heute eben so“ abgetan werden, verschiebt sich die Grenze. Betroffene melden Vorfälle irgendwann nicht mehr, weil sie keine Konsequenz erwarten. Gleichzeitig fehlt der Schule damit ein realistisches Bild davon, wie häufig und wo Konflikte eskalieren.

Eine gute Meldekultur bedeutet nicht, jede Auseinandersetzung zu kriminalisieren. Sie bedeutet, ernsthafte Vorfälle nachvollziehbar zu dokumentieren und früh zu reagieren, bevor aus wiederkehrender Grenzüberschreitung ein festes Muster wird.

Was Schulen konkret brauchen

  • klare und bekannte Regeln für Gewalt, Bedrohungen und Mobbing,
  • verlässliche Meldewege und transparente Zuständigkeiten,
  • Schulsozialarbeit und schulpsychologische Unterstützung,
  • Fortbildungen zu Deeskalation und Konfliktmanagement,
  • eine Nachsorge für Betroffene nach schweren Vorfällen,
  • enge Zusammenarbeit mit Eltern und – wo nötig – Jugendhilfe, Polizei oder anderen Fachstellen.

Eltern haben eine wichtige Rolle

Eltern müssen nicht jede Entscheidung einer Schule gut finden. Kritik an Lehrkräften oder Schulleitung ist legitim. Entscheidend ist, wie sie geäußert wird. Wer vor dem eigenen Kind Lehrkräfte dauerhaft abwertet oder Drohungen relativiert, schwächt die gemeinsame Grenze, die Schule und Familie eigentlich brauchen.

Umgekehrt sollten Schulen Eltern ernst nehmen, wenn sie von Gewalt oder Mobbing berichten. Ein Satz wie „Das klären die Kinder unter sich“ reicht bei wiederholten oder schweren Vorfällen nicht.

Konsequenzen allein lösen nicht alles

Nach schweren Vorfällen braucht es klare Konsequenzen. Gleichzeitig entsteht Gewalt nicht aus nur einer Ursache. Überforderung, psychische Belastungen, familiäre Konflikte, Gruppendynamik, fehlende Perspektiven oder ein dauerhaft gereiztes Schulklima können zusammenwirken. Prävention heißt deshalb nicht Kuschelkurs. Sie bedeutet, Ursachen zu bearbeiten und Grenzen trotzdem klar durchzusetzen.

Gut zu wissenEine Schule ist dann stark, wenn sie weder Gewalt verharmlost noch ganze Gruppen von Schülerinnen und Schülern pauschal unter Verdacht stellt. Schutz, klare Regeln und Unterstützung gehören zusammen.

Was Eltern tun können, wenn ihr Kind von einem Vorfall erzählt

  • Zuerst ruhig zuhören und den Ablauf möglichst konkret schildern lassen.
  • Datum, Beteiligte und mögliche Zeugen notieren.
  • Bei wiederholten oder ernsten Vorfällen die Klassenleitung beziehungsweise Schulleitung ansprechen.
  • Bei akuter Gefahr nicht auf ein normales Elterngespräch warten, sondern sofort Hilfe holen.
  • Das Kind nicht zum Vermittler zwischen Erwachsenen machen.

Dasselbe gilt, wenn das eigene Kind selbst Grenzen überschritten hat: Schutz vor Beschämung bedeutet nicht Schutz vor Verantwortung. Kinder und Jugendliche müssen verstehen können, was ihr Verhalten ausgelöst hat und welche Folgen daraus entstehen.

Quellen: Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer 2026 (Bericht über rbb/Tagesschau); Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik zu Gewalt gegen Lehrkräfte, April 2026; Verband Bildung und Erziehung (VBE). Stand: August 2026.